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Pferde - Pferderassen
Dienstag, den 07. August 2007 um 20:15 Uhr

Die Leutstettener Pferde:
Von Sárvár nach Leutstetten


Leutstettener


Das vergangene Jahr 2004, war das Jahr der Leutstettener Pferde. Sie gehören in Deutschland zu den Spezial-Pferderassen und wurden von der G.E.H. (Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V.) zu einer der extrem gefährdeten Haustierrasse erklärt.

Für jemanden wie mich, der im Großen und Ganzen noch nicht sehr viel über Pferderassen und vor allem über Pferdezucht weiß, ist diese Story ein interessanter Ausflug in die Geschichte deutscher, bzw. europäischer Rassen und Zuchtlinien.


Südlich von München, bei Starnberg, liegt das Gestüt Leutstetten, Zuchtstätte einer eigenständigen Pferderasse mit einer besonderen Geschichte und Herkunft. Hausherr Seine Königliche Hoheit Prinz Ludwig von Bayern hat sein Leben von frühester Jugend an der Pferdezucht verschrieben und hat, Schwierigkeiten zum Trotz, ein in seiner Art und Zuchtgeschichte einmaliges Pferd erhalten.

Wir alle haben uns mehr oder weniger daran gewöhnt, daß Tierarten nach und nach von der Oberfläche unserer Welt verschwinden. Aber kaum jemand macht sich Gedanken darüber, daß selbst einheimische, europäische Tierarten vom Aussterben bedroht sein könnten.

Der Erhaltung und Förderung bedrohter Haustierrassen hat sich die GEH (Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen) verschrieben. Neben der Führung einer Roten Liste, die immerhin 90 bedrohte Nutztierrassen umfasst, wird eine Rasse des Jahres gewählt. Ziel des Projekts ist es, ein vom Aussterben bedrohtes Haustier der Öffentlichkeit ins Bewusstsein zu rufen und Interessierte zu informieren oder sogar zu begeistern. Warum die Leutstettener Pferde zur Rasse des Jahres 2004 erkoren wurden, wird wie folgt geschildert:

Von Sárvár nach Leutstetten


Das größte und älteste Gestüt im Eisenburger Komitat ist Sárvár, die ungarische Besitzung der Prinzessin Ludwig von Bayern". Das beschreibt Graf Wrangel in seinen Erinnerungen an die hippologischen Studienfahrten im Lande Ungarn. Das Kurstädtchen Sárvár (gesprochen „Scharwar“) liegt in Westungarn auf halber Strecke zwischen dem Grenzübergang Sopron und dem Plattensee. Umgeben von einem botanisch hochinteressanten Schlosspark befindet sich dort das Schloss Sárvár, bis Ende des zweiten Weltkriegs im Besitz der Bayerischen Königsfamilie.

Etwa 1,5 km entfernt vom Schloss lag der zugehörige Gutsbetrieb, an den neben Milchviehhaltung und Ackerbau eine hochstehende Pferdezucht angeschlossen war. Als die Herrschaft Sárvár 1803 vom Erzherzog Ferdinand von Modena-Este gekauft wurde, wurde die bereits vorhandene Pferdezucht in einen gestütsmäßigen Betrieb umgesetzt.
1875 ging das Gestüt durch Erbschaft an Ihre Königliche Hoheit Frau Prinzessin Ludwig von Bayern. Seitdem lieferte Sárvár Reit- und Fahrpferde für den Königlichen Marstall in München-Nymphenburg und Kavallerieremonten nach Bayern.

1945, gegen Ende des zweiten Weltkriegs, wurde das Gestüt durch eine turbulente Flucht, die Pferde größtenteils per Bahnverladung, das Personal und die notwendigsten Gerätschaften auf siebzehn Gespannen, vor dem Zugriff der russischen Besatzer gerettet. Zielort war die Wittelsbacher Besitzung Leutstetten bei Starnberg. Dort fanden die Sárvárer Pferde ihre neue Heimat und werden getreu den traditionellen Zuchtprinzipien als eigenständige Rasse erhalten.

Zuchtgeschichte


Als Anfang des 19. Jahrhunderts begonnen wurde, die Pferdezucht in Sárvár gestütsmäßig zu betreiben, war die Schaffung einer qualitätvollen Mutterstutengrundlage vorrangig. Ziel war es, ein edles gängiges Pferd für alle Zwecke der Reiterei und des Fahrens zu züchten, welches vor allem dem Anspruch der damaligen Zeit, große Strecken bequem und möglichst schnell zurückzulegen, gerecht werden sollte.

Hierzu wurde bestes Stutenmaterial aus Mecklenburg, England, Mezöhegyes, dem Gestüt welches auch den Ursprung der ebenso vielseitigen Nonius Pferde bildet, verschiedenen ungarischen Privatgestüten und später auch aus Trakehnen angekauft. Den scharfen Selektionskriterien der damaligen Zeit genügten aber letztendlich nur die Nachkommen zweier Stuten Helena und Bogar. Jedes Leutstettener Pferd lässt sich bis heute lückenlos auf diese beiden Stammstuten zurückführen.
Ab dem Jahre 1864 wurden zunehmend Hengste englischer Blutlinien verwendet - vor allem Vollblüter und hoch im Blut stehende Halbblüter aus eigener Zucht. Den größten Einfluss behielten die Hengste Furioso xx und North Star xx.

Als eigenständiges königlich bayrisches Privatgestüt legte Sárvár immer Wert auf einen höheren Anteil englischen Vollbluts in seiner Zucht als die Landeszucht und das richtungsweisende K-und-K-Gestüt Mezöhegyes. Dieser Tradition ist Leutstetten bis heute treu geblieben.

Leutstetten heute


Das Gestüt hält derzeit etwa 40 Pferde auf einer Fläche von ca. 80 Hektar. Davon 10 Mutterstuten und zwei Hengste sowie deren Nachzucht. Großer Wert wird auf robuste, natürliche Haltung und Aufzucht gelegt. In den Sommermonaten wird auf den Stall gänzlich verzichtet, winters ist täglicher Koppelgang unabhängig von der Witterung selbstverständlich. Herdenhaltung und sorgfältige, vertrauensvolle Erziehung sichern die Charakterfestigkeit des einzelnen Pferdes.

Das Zuchtziel für das Leutstettener Pferd hat sich über die Jahrhunderte nicht wesentlich verändert. Angestrebt wird ein elegantes ausdauerndes Reitpferd mit angenehmen, raumgreifenden, ökonomischen Gängen und einem sensiblen, zuverlässigen Temperament. Im Stockmaß liegen die Leutstettener etwa zwischen 156 cm und 168 cm. Als Farbe dominieren Braune in allen Schattierungen, selten Rappen, kaum Füchse oder Schimmel. Langlebigkeit, Ausdauer und Fruchtbarkeit sind weitere Rassemerkmale.


Gestütstradition

SKH Prinz Ludwig von Bayern hat über die Jahre an seinem Zuchtziel und an den Traditionen des königlich bayrischen Gestüts Leutstetten festgehalten. Gezogen und benannt wird nach Stutenfamilien. Gebrannt wird nach K-und-K-Prinzip in der Sattellage. Links S mit Königskrone, rechts der Anfangsbuchstabe des Vaternamens. Diese Art zu brennen stammt aus der Zeit der großen Herdenhaltungen, in denen es für den betreuenden Pferdehirten notwendig war, vom Pferd aus die Tiere zu identifizieren.
Die Zuchtplanung und Selektion liegt in den Händen von SKH Prinz Ludwig, der trotz seines hohen Alters jedes Fohlen genauestens mit Kennzeichnung und Abstammung in die Gestütsbücher einschreibt.
Die Leutstettener Zucht ist seit Gründung des Bayrischen Pferdezuchtverbands an den Verband angeschlossen und wird heute unter den Spezialrassen geführt.


Verwendung

Der Leutstettener ist ein vielseitiges, edles Reit- und Fahrpferd für alle Ansprüche. Neben ausgesprochenen Hochleistungstypen, vor allem für die Vielseitigkeit und die Dressur, findet auch der anspruchsvolle Jagd- oder Freizeitreiter einen charakterfesten, robusten Partner. Bekannt im Sport wurde vor allem in Bayern der Hengst Látogató I, der ausgebildet von Prinz Karl von Auersperg in Dressurprüfungen der Klassen L-S über 120 Siege erringen konnte. Bemerkenswerterweise trug der Hengst bis ins hohe Alter nie Hufeisen. Sein Sohn Hajtás I befindet sich im Zuchteinsatz. Durch die angeborene Ausdauer-veranlagung, die robuste Aufzucht und aumgreifende Gänge eignen sich Leutstettener auch hervorragend für den Distanzsport und das Fahren.


Ausblick

Es liegt wie so oft bei kleinen Populationen am Engagement einiger Privatleute, in diesem Falle vor allem an der Wittelsbacher Familie, diese Zucht in ihrer derzeitigen Form als Gestüt zu erhalten. Leider hat der Blick auf verwandte Furioso - North Star Zuchten im Ausland v. a. in Ungarn die Hoffnungen auf eine Möglichkeit des Zuchttieraustauschs schwinden lassen.

Unter kommerziellen Gesichtspunkten wurden viele ungarische Furioso-North Star-Linien nicht rein erhalten. Ferner sind die Hauptzuchtstätten für reine Furioso -North Star, die nach der politischen Wende in Rumänien und der Slowakei noch existierten, der freien Marktwirtschaft zum Opfer efallen. Um so bedeutender wird die Bewahrung der Leutstettener Pferde sowohl als Kulturgut mit großer Tradition als auch als genetische Resource.


Weitere Infos über das Leutstettener Pferd:

Leutstettener Pferd © M. Vogt
Bildquelle: g-e-h.de / M. Vogt


Kennzeichen:

Mittelgroßes Reitpferd, Stockmaß 160 -163 cm. Die Rasse verkörpert ein edles, blutgeprägtes Reitpferd und weist überwiegend die Varianten der dunklen Farben, Rappen und Dunkelbraunen auf bei relativ wenig Abzeichen (selten Fuchs/Schimmel). Ein markanter Kopf mit geradem Profil verrät Adel.

Verbreitung:
Seit 1945 fast ausschließlich in der Privatzucht des Prinzen von Bayern am Starnberger See, einige wenige Privatzüchter züchten zusätzlich mit ein bis zwei Stuten.

Herkunft:
Das Leutstettener Pferd wird in dem südlich von München gelegenen Gestüt Leutstetten gezüchtet. Die Basis bildeten ungarische Halbblüter der Stämme Furioso, North-Star und Predszwit. Seit 1875 ist der Leutstettener zu einem eigenständigen Typ geformt worden.

Eigenschaften/Leistung:
Hart, widerstandsfähig. Vitalität bis ins hohe Alter, eine lang anhaltende Fruchtbarkeit, gutes Gangvermögen, ausgezeichnetes Springvermögen, sprichwörtlich harte Hufe. Eignet sich für alle Zwecke des Reit- und Fahrsports mit den Schwerpunkten Vielseitigkeit und Dressur. Das Temperament ist angenehm.

Besonderheiten:
Rasse überlebt nur in Deutschland; in Ungarn und Österreich praktisch ausgestorben.

Bestand:
Der Hauptbestand befindet sich unter Obhut des Hauses Wittelsbach. Nur vereinzelt sind Tiere in Privatbesitz. Der Gesamtbestand beträgt in Deutschland etwa 40 Pferde, davon 10 aktive Zuchtstuten.

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